TOP: 5 Patentierung von Pflanzen und Tieren
5.a) Beratung Antrag SPD Keine Patente auf Pflanzen und Tiere
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51. Sitzung Berlin,
Donnerstag, den 01. Juli 2010
Dr. Wilhelm Priesmeier (SPD):
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Kollege Lehmer, ich danke Ihnen für Ihre Positionierung und auch für Ihre Rede. Sie haben im Verhältnis zum Kollegen Harbarth etwas abgerüstet. Ich glaube, das ist auch im Hinblick auf die notwendige gemeinsame Zielfindung in diesem Bereich vernünftig gewesen.
Meine Damen und Herren, wer die Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose gelesen hat, der weiß, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat. Er hat uns auch beauftragt:
... füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
Da steht nichts vom Europäischen Patentamt. Gott sei Dank!
Aber aus diesen Worten wird vielleicht deutlich, dass wir eine ethische
Verantwortung für all unser Tun und all unser Handeln tragen, für den
verantwortungsvollen Umgang miteinander, aber auch für den
verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt und mit unseren
Mitgeschöpfen. Das sollten wir in dieser Debatte und gerade auch in der
Auseinandersetzung über die Frage der Biopatente immer im Blick
behalten.
Die Debatte hier wird von einem großen Grundkonsens getragen. Ich sehe
durchaus die Möglichkeit, etwas Gemeinsames zu formulieren und einen
gemeinsamen Beschluss zu fassen. Es wäre sicherlich auch für unsere
deutsche Position im Hinblick auf die europäische Rechtsetzung
hilfreich, wenn wir mit einer Stimme sprechen würden.
Ich gebe zu: Die Rechtsmaterie ist recht kompliziert. Ich bin Tierarzt
und kein Jurist. Aber nehmen wir einmal ein Beispiel aus der Praxis: In
den 60er- und 70er-Jahren haben wir große Fortschritte bei der
Verbesserung der Mastleistung von Schweinen erreicht. Insbesondere wurde
ein hoher Magerfleischanteil erreicht. Kollege Holzenkamp könnte uns,
wenn er da wäre, sagen, wie wichtig das ist. Wir hatten aber auch
Probleme: Wässriges Fleisch schrumpfte beim Erhitzen in der Pfanne um
die Hälfte; das kennen Sie alle noch. Schweine sind zwar nicht
serienweise, aber häufig aufgrund von Kreislaufproblemen umgefallen und
verendet.
Ein typisches Symptom für mich in der Behandlung war das
Bananenschwein; es war aufgrund einer Muskeldegeneration immer ein wenig
gekrümmt. Ursache dafür war ein Gen, das man nicht genau bestimmen
konnte. Es gab aber ein einfaches Verfahren: Die Tiere wurden mit
Halothan narkotisiert, und dann wurde geschaut, wie sie reagieren. Daran
konnte man feststellen, ob das Tier eine positive oder eine negative
Entwicklung nehmen würde. Hätte jemand dieses Verfahren patentieren
lassen, hätte er ein Durchgriffsrecht bekommen, das ihn am Umsatz eines
jeden Schnitzels und Bockwürstchens beteiligt hätte. Der Verbraucher
hätte dafür an der Ladentheke unter Umständen die nächsten 20 Jahre
einen höheren Preis bezahlen müssen, während der Erfinder zugleich in
ganz entscheidender Weise die Zuchtrichtung in Europa hätte mitbestimmen
können.
An diesem einfachen Beispiel wird deutlich, welche Tragweite
Biopatente für unsere Ernährung und unsere Lebensmittel entfalten
können. Lebensmittel sind ja ein Mittel zum Leben und aus diesem Grunde
nicht allein ökonomischen Interessen preiszugeben. Dass das nicht
geschieht, dafür tragen auch wir die Verantwortung.
Im Kern muss es darum gehen, dass auch zukünftig alle Züchter das tun
können, was sie bereits seit Jahrhunderten tun, nämlich die
Eigenschaften von Pflanzen und Tieren so zu verbessern, dass ihr Nutzen
zum Wohle aller zunimmt. Das setzt einen Wettbewerb aller Züchter
untereinander voraus, und nicht nur zwischen einzelnen Züchtern, die
sich Patente gesichert haben. Die Zucht war und ist immer eine große
kulturelle Leistung. Diese sollte man nicht kleinreden, auch wenn es
natürlich sinnvolle Regelungen für die Wahrung des geistigen Eigentums
geben muss.
Wir stehen nun vor großen Herausforderungen. Wir müssen die
Produktivität der Tiere und der Nutzpflanzen bis 2050 um mindestens 70
Prozent verbessern. Im Hinblick auf den Klimawandel haben wir Sorge
dafür zu tragen, dass standortangepasste Sorten entwickelt werden.
Hierzu muss auch die Gelegenheit gegeben werden; das darf nicht mit
globalen Patenten verhindert werden. Vielmehr muss jeder einzelne
Züchter die Gelegenheit haben, das Zuchtprodukt, das gerade jemand vor
ihm erreicht hat, weiter zu verbessern. In diesem Bereich darf es keinen
Ausschließlichkeitsanspruch geben. Dafür benötigen wir einen
verlässlichen und eindeutigen Rechtsrahmen.
Bei der Umsetzung der Biopatentrichtlinie ist sicherlich nicht alles
optimal gelaufen. Wir sollten aber dafür Sorge tragen, dass weiterhin
gerade das Züchterprivileg und das Landwirteprivileg - für diesen
Bereich können und wollen wir ja Politik gestalten - erhalten bleiben.
Patente an sich bedeuten ein Monopol auf Zeit für eine befristete oder
ausschließliche Nutzung. Das kann natürlich von Dritten genutzt werden,
aber nicht jeder ist dazu in der Lage.
Man muss das Augenmerk beim Patentrecht nicht nur auf die europäische
Ebene und die europäische Landwirtschaft richten, sondern auch darüber
hinaus. Unter Umständen sind Züchter nicht in der Lage, die
Patentgebühren zu bezahlen. Wer heute erfahren hat, wie teuer es sein
kann, ein Patent anzumelden, der weiß nun, dass man dafür viel Kompetenz
und viel Geld braucht. Davon kann man die Entscheidung im Patentrecht
letztendlich aber nicht ausschließlich abhängig machen. Da heute 70
Prozent der Biopatente von den zehn größten Unternehmen angemeldet
werden, muss man darüber nachdenken, inwieweit das zur Monopolisierung
der Pflanzen- und Tierzucht beiträgt.
Ich hoffe, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass es uns nach der
Entscheidung am 20. Juli 2010 gelingen wird, gemeinsam eine Position zu
finden, die wir weiterentwickeln können und die allen nutzen wird.
Vielen Dank.