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Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zum Antrag LINKE „Die Agrarwissenschaften in Deutschland auf höhere Anforderungen ausrichten“- Drucksachen 17/4531 und 17/13998
 
Deutscher Bundestag 17. Wahlperiode,
Plenarsitzung am Donnerstag, den 27.06.2012,
Dr. Wilhelm Priesmeier (SPD):
 
Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Am Ende der Legislaturperiode rufen wir heute nochmals ein sehr wichtiges Thema im Plenum auf. Die Zukunftsfähigkeit unserer deutschen, aber auch der europäischen und internationalen Nahrungsmittelproduktion hängt ganz entscheidend von einer effizienten Agrarforschungslandschaft ab. Und diese müssen wir zukunftsfähig ausrichten. Die Fragestellungen an die nationale wie internationale Agrarforschung sind eindeutig. Im Jahr 2050 wollen voraussichtlich mehr als 9 Milliarden Menschen eine sichere Nahrungsgrundlage und eine sichere Zukunft haben. Die natürlichen Ressourcen Wasser, Boden, Biodiversität und fossile Energieträger sind endlich. Der Klimawandel wird die landwirtschaftliche Produktion verändern und die Ernteerträge unsicherer machen. Es werden immer mehr Menschen in Städten leben. Die Ernährungsgewohnheiten werden sich verändern. Es wird zukünftig mehr Fleisch konsumiert. Das Preisniveau für Agrarrohstoffe werden weiter steigen. Gleichzeitig stellt die Gesellschaft vor allem in Europa konkrete Anforderungen an die Agrarproduktion. Auf ökologische, ökonomische, soziale und ethische Fragen werden Antworten auch von der Agrarforschung erwartet. Sie müssen von der Forschung aufgegriffen werden. Doch darauf ist sie gegenwärtig relativ schlecht vorbereitet. Denn die deutsche Agrarforschungslandschaft ist zersplittert. Interdisziplinäre und transdisziplinäre Forschung findet kaum statt.
 
Forschungsaufträge werden in intransparenten Verfahren vergeben. Spezialwissen ohne gesellschaftliche Einordnung und Bewertung ist das Ergebnis. Das Denken in großen Zusammenhängen geht in der Forschung verloren und wird in der Lehre kaum noch vermittelt.
Zudem wurden den Agrarfakultäten systematisch die sozialwissenschaftlichen Professuren gestrichen. Teilweise wird die Axt auch an die traditionellen Gartenbau- und Agrarwissenschaftsstandorte gelegt. Aktuelle Beispiele finden sich an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Hannover.
 
Die Folge: Die Forschungskapazitäten werden weiter ausgedünnt; der Rest zu sehr auf naturwissenschaftliche Problemanalyse und technische Lösungen beschränkt. Wissenschaft findet so ohne Anbindung an die Zivilgesellschaft statt. Dadurch kommt heute schon vorhandenes Wissen in der Gesellschaft vielfach nicht an. Wissenschaft hat sich in Teilen zu einem selbstreferenziellen System entwickelt und vernachlässigt die erforderliche Kommunikation mit der Gesellschaft. Die Herausforderungen der Zukunft verlangen aber gerade ein enges Zusammenspiel zwischen Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft.
Angesichts der globalen Herausforderungen an die Agrarwirtschaft ist eine Überprüfung der nationalen Forschungsstrukturen notwendig. Da gebe ich Ihnen voll Recht, Herr Kollege Süßmair. Die enge Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft ist Voraussetzung für die notwendigen Innovationsschritte in eine nachhaltige globale Agrarproduktion.
 
Die SPD-Bundestagsfraktion hat sich im März 2012 auf einer großen Fachtagung zum Thema „Klimawandel, Ernährungssicherheit und Biodiversität – Herausforderungen an eine zukunftsfähige deutsche Agrarforschungslandschaft“ mit dem Thema beschäftigt. Eine Motivation für diese Veranstaltung war vor allem die Veränderung der Forschungslandschaft. Wir haben zusammen mit Wissenschaftlern darüber diskutiert, wie gut wir in Deutschland für die Aufgabenstellungen in der Ressortforschung, an den Hochschulen, in der öffentlichen Forschung und in der privaten Forschung aufgestellt sind. Ein wichtige Frage war im letzten Jahr: Welche Auswirkungen haben die weltweiten Anforderungen auf unsere Agrarforschung? Die Drittmittelforschung hat zu einer Veränderung der Schwerpunktsetzung und hin zur Verwertbarkeit der Ergebnisse geführt. Auch das haben wir diskutiert. Am Ende haben wir uns natürlich intensiv darüber ausgetaucht, was verändert werden muss. Die Ergebnisses dieser Fachtagung waren sehr hilfreich für unsere weitere politische Arbeit.
 
Erfreulich ist für mich, dass sich seit dem Einbringung des vorliegenden Antrages der Fraktion DIE LINKE aus dem Agrarforschungssektor selber sehr konstruktive Forschungsangebot an die Politik herangetragen wurden. Die Anstrengungen, die die Deutsche Agrarforschungsallianz (DAFA) in den letzten Jahren unternommen hat, begrüße ich ausdrücklich. Hier sind sehr gute Vorarbeiten für eine bessere Koordination und Vernetzung innerhalb wichtiger Zukunftsthemen der Agrarforschung erarbeitet worden.
Die SPD-Bundestagsfraktion hat dieses Engagement aufgegriffen und in den letzten Haushaltsberatungen die Bereitstellung entsprechender Mittel eingefordert. Leider hat sich die schwarz-gelbe Koalition erneut gegen eine grundlegende und verbesserte Vernetzung der zersplitterten Agrarforschungslandschaft ausgesprochen.
Ich gehe davon aus, dass eine SPD-geführte Bundesregierung ab Herbst 2013 weitaus vorausschauender agieren wird und die Agrarforschungslandschaft stärkt. Und: dass wir dann auch viele der Forderungen des vorliegenden Antrages umsetzen werden.
 
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.